Glaubensfragen

Vor ein paar Wochen ist eine neue Kollegin in mein Büro eingezogen, mit der ich seitdem ein paar interessante Gespräche zum Thema Religion geführt habe. Sie ist frei evangelisch und lebt ihren Glauben recht intensiv – obwohl sie vom Elternhaus her nichts dergleichen mitbekommen hat. Im Gegenteil: Ihre Familie steht dem Ganzen skeptisch bis abwehrend gegenüber. Sie selbst geht aber sehr offen mit dem Thema um. Diese Offenheit hat mich ermutigt, auch etwas über meine heidnische Weltanschauung zu erzählen. Aber das fiel mir schwerer als gedacht. Ich bin es einfach nicht gewohnt, meinen Glauben zu erklären – vor allem jemandem, der sich selbst viel mit Spiritualität befasst und einiges besser nachvollziehen kann als der Durchschnittsatheist. Oft stolpere ich über blöde Formulierungen und scheinbare Widersprüche. Ich höre mich selbst reden und denke „Nee, also das würd ich jetzt an ihrer Stelle auch nicht verstehen.“ Oder „Jetzt wo ich es von mir höre, klingt es echt unlogisch.“ Es ist aber auch nicht leicht, einer überzeugten Christin einen Glauben zu erklären, der sich hauptsächlich auf eigene Vorstellungen und Erfahrungen gründet statt auf eine von Gott überlieferte Schrift. Eine ihrer Fragen war: „Gibt es bei euch denn gar keine einheitliche Lehre oder Schrift oder so was?? So wie die Bibel?“ … Woraufhin mir klar wurde, dass man nach der Antwort „Nein.“ dann auch fragen könnte „Ja woher wisst ihr denn, dass ihr auf dem richtigen Weg seid? Spricht euer Gott gar nicht mit euch?“ Was mich persönlich irgendwann zu der Frage bringt: Wenn jede Religion ihre eigene Lehre hat, die angeblich direkt von Gott kommt, aber den jeweils anderen Lehren nicht gleicht – wer zum Kuckuck hat dann Recht? Und ich, die ganz ohne einheitliche Lehre dasteht – wie komme ich zu dem Anspruch, richtig zu liegen?
Das hat bei mir einen Stein ins Rollen gebracht. Ich musste feststellen, dass ich meine Weltanschauung noch nie so tiefgründig hinterfragt habe. Unbewusst schon, aber ich habe mich halt nie ernsthaft bemüht, Antworten zu suchen. In meinem Kopf existieren lauter kleine Puzzleteilchen, zusammengetragen aus Büchern, Gesprächen und eigenen Erlebnissen, die sich noch nicht zu einem runden Bild fügen. Zum Beispiel war nie richtig sicher, wie ich mir das Göttliche vorstelle: Gibt es viele Götter, die alle völlig für sich stehen oder sind sie Aspekte einer großen Gottheit? Und ist diese Gottheit geschlechtslos oder gibt es eine große Göttin und einen großen Gott, die zusammen wirken?
Bisher konnte ich mir diese Fragen nicht endgültig beantworten. Aber was die verschiedenen Glaubenslehren und ihre Berechtigung angeht, bin ich für mich zu folgendem Schluss gekommen: Keine Kultur, keine Religion auf dieser Erde hält die absolute Wahrheit bereit. Wir müssen alle unseren ganz individuellen Zugang zum Glauben finden. Was für den einen der richtige Weg der Kommunikation mit dem Göttlichen ist, kann für den anderen völlig ungeeignet sein. Wieder andere glauben gar nicht an irgendwelche höheren Wesen. Meine Kollegin fand diese Argumente seltsam: „Aber wenn ich etwas glaube, dann muss ich doch davon überzeugt sein, dass es die absolute Wahrheit ist. Sonst kann ich es auch gleich lassen. Ich will ja keinem Märchen auf den Leim gehen!“ Ich konnte sie nicht von meiner diplomatischen Lösung überzeugen *g*
Aber im Zuge unserer Gespräche hat sie mir auch einige Elemente des Christentums erklären können, die mir dadurch ein wenig klarer geworden sind. Einige hätte ich als Kritik gegen ihren Glauben ins Feld geführt. Inzwischen verstehe ich sie besser und sehe, dass auch sie ihre Berechtigung und Logik haben. Zum Beispiel die Welt, die in sechs Tagen erschaffen wurde. Ich habe meine Kollegin gefragt, wie das mit der Evolutionstheorie zu vereinbaren ist. Bisher habe ich da immer zu hören bekommen: „Die Bibel darf man halt nicht wörtlich nehmen, sondern muss sie als Metapher verstehen.“ Meine Kollegin hingegen meinte, dass die Angabe „Tage“ nicht mit den Tagen wie wir sie kennen übereinstimmen muss. In der Bibel steht, dass für Gott ein Tag tausende Menschenjahre sein können. Das hört sich für mich runder und schlüssiger an. Aber ich sag ja sowieso immer: Ich als Hexe hab nix gegen Christen. Ich kann nur keinen ganzen auf einmal essen *g* Jaja ich weiß, der hat soooo nen Bart… Man möge mir diesen bösen Spruch verzeihen.

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Ein Kommentar zu “Glaubensfragen

  1. Tana sagt:

    An den Punkt bin ich auch mal gekommen, dass ich dachte: OK, du musst das alles mal ausformulieren. In deinem Kopf ist das alles logisch, aber die anderen, die sind ja draußen. 😉

    Zu der Schrift. Ja, es gibt keine Schrift, weil die (neo-)paganen Religionen und die Formen der Religious Witchcraft keine Offenbarungs-Religionen sind. Ich kann verstehen, dass eine Christin, wie deine Kollegin, da ein Problem mit hat, aber sie vergisst etwas:

    Die Bibel ist ja schließlich auch nicht so, wie sie heute ist vom Himmel gefallen.
    Irgendwann, hat irgendwo, irgendwer mal beschlossen, welche der vielen, vielen Evangelien da rein dürfen. Woher weiß sie, dass man die ‚richtigen‘ ausgewählt hat?

    Die Sicherheit im Glaube, kommt bei vielen Christen oft schlicht daher, dass es dieses Buch gibt und sie mit dem Glauben aufwachsen, dass da eben die Wahrheit drin steht, irgendwie. Eine Gemeinschaft, die alle Ähnliches glauben und praktizieren, unterstützt in der Annahme, das Richtige zu tun. So sehr, dass ihnen die Augen aus dem Kopf fallen, wenn man erwähnt, dass es auch anders geht.

    Mein Glaube erfordert von mir, mich auf das zu verlassen, was ich selbst erfahre – nicht auf das, was irgendjemand anderes sagt. Selber denken ist angesagt. Natürlich kann man sich irren, aber das kann jeder. Jedenfalls übernehme ich nicht einfach irgendetwas, das jemand anderes einfach in den Raum stellt. Und ja, meine Götter, die reden direkt mit mir, nicht über jemanden, der mal vor 2000 Jahren was aufnotiert hat. (Es gibt auch Christen, die direkt mit ihrem Gott reden, die sagen das oft nur nicht, weil man muss in der Religion ja eine Authorisierung dafür haben = Priester sein, oder so.)

    Das Problem mit der absoluten Wahrheit. *nick*
    Die Menschen werden mit dem Plural von Lüge groß gezogen und lernen nicht, dass auch die Wahrheit im Plural existiert. In dieser Welt können die Dinge sowohl-als-auch wahr sein. Wenn ich aber natürlich glaube, dass es nur eine einzige Wahrheit (TM) gibt, dann muss natürlich jeder andere falsch liegen. Logisch.

    In meiner Welt ist das nicht so.
    Ich habe festgestellt, dass man den einen oder anderen mehr schockt, wenn man sagt, dass es den Christengott selbstverständlich auch gibt, dass er und du nur nix miteinander zu tun haben, als wenn man sagt, man glaubt nicht an ihn. *lach*

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