Die Ur-ur-ur…….Enkelin eines Halleschen Komponisten

Ein Samstag in Halle. Mein Freund und ich sind auf dem Weg in die Innenstadt, um in einem der vielen kleinen Cafés zu frühstücken. Wir sitzen an der Haltestelle und warten auf die Straßenbahn, als sich aus heiterem Himmel eine Erscheinung zu uns gesellt. Die Dame ist geschätzt um die sechzig, ist komplett in Schwarz gekleidet – mit Pumps, kurzem Rock und eine Art von Webpelzmantel – und trägt eine Sonnenbrille. Zunächst erkundigt sie sich nur, ob hier eine Bahn zum Marktplatz fahre. Ich gehe freundlich auf ihre Frage ein, was sich als großer Fehler herausstellt. Denn nun gesellt sie sich zu uns auf die Bank… und schon bricht ein Redeschwall über uns herein.
„Also ich muss sagen, Halle ist ja eine wuuunderschöne Stadt, ganz bezaubernd!“, schwärmt sie in affektiertem Tonfall und setzt mit dramatischer Geste ihre Sonnenbrille ab. „Ich bin ganz hin und weg. Und die Menschen hier, die Menschen sind ja so wundervoll, so freundlich!“
Ich nicke und lächle höflich und betrachte interessiert das Display, das die Ankunft der Straßenbahn in sieben Minuten ankündigt. Aber so leicht komme ich ihr nicht davon.
„In Berlin ist das ganz anders. Die Leute da sind immer so… so unfreundlich. Und die ganzen Ausländer…! Naja, reden wir nicht drüber. Wie schön, dass gleich eine Bahn kommt. Ich möchte nämlich zum Marktplatz, das Händeldenkmal besuchen. Und danach findet in der Aula der Universität ein Chorkonzert statt. Ich bin nämlich die Ur-ur…“ (an dieser Stelle höre ich auf mitzuzählen) „…Enkelin von Johann Georg Teichert* – dem Komponisten. Haben Sie sicher schon gehört.“
Ich nicke einfach mal, fasziniert, dass es Leute wie sie wirklich gibt.
„Dann kennen Sie sicher auch den Teichert-Chor.“, setzt sie ihren Monolog fort.
Nie gehört, aber von mir aus.
„Der singt heute, und ich bin als Ehrengast geladen. Gestern haben sie ja auch schon gesungen. Drei Chöre – und natürlich der Teichert-Chor. Das war fantastisch! So toll! Besser als ein Gebet! Es war natürlich nicht schwer zu erkennen, welcher der beste Chor war. Gessen* hat ja nur einstimmig gesungen. Einstimmig! Also für mich ist das ja nichts, weniger als drei Stimmen, naja. Aber der Teichert-Chor! Vierstimmig! Einfach unglaublich! Jetzt komme ich gerade vom Klinikum. Der Knöchel – eklige Sache. Ich habe ja eine Operation verlangt, aber diese Ärzte – unmöglich. Kennen Sie das?“
Die unvermittelte Frage reißt mich aus meiner Starre. Äh, was? Ich hab grad kurz nicht zugehört… „Was meinen Sie?“, frage ich höflich.
„Wenn man seine Ziele nicht erreicht!“
Ich gucke ratlos und schaue kurz zu meinem Freund, der mit geschlossenen Augen völlig unbeteiligt zwischen uns sitzt. So langsam fange ich an, die versteckte Kamera zu suchen.
„Die Ärzte wollen ja immer gleich Röntgen und MRT machen. Ich habe denen gesagt ich weiß doch was es ist! Also operieren Sie gefälligst! Aber nein, die haben sich geweigert. Jetzt muss ich humpelnd zum Konzert. Unglaublich! Und Sie, haben Sie heute frei?“
Ich erkläre, dass ich als Studentin samstags meistens frei habe. Nebenbei beobachte ich, dass sie anfängt, meinen Freund abschätzig zu mustern. Langsam scheint sie sich zu fragen, ob der noch ganz dicht ist.
„Ach, Sie studieren. Und er, was macht er?“
Mir fällt fast die Kinnlade runter angesichts ihrer Art – wie kann man nur so sein?!? In der dritten Person über jemanden zu sprechen, der daneben sitzt. Mein Freund murmelt nur: „Der schläft noch.“
Da biegt endlich die Bahn um die Ecke und wir ergreifen die Gelegenheit, uns von ihr wegzusetzen. Ich bin mir wirklich ein bisschen wie im falschen Film vorgekommen, aber ich habe mich auch königlich amüsiert 😉

* Namen aus Diskretionsgründen geändert

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Ein Kommentar zu “Die Ur-ur-ur…….Enkelin eines Halleschen Komponisten

  1. Wunderbar! Ich hab total gelacht !
    Du solltest diese Geschichten zusammenfassen und veröffentlichen!

    LG
    Alva, die nicht nur bei Blogger bloggt sondern hier jetzt auch mal irgendwann einen onlien stellt und deswege wolkenschloss heisst *g*

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